An diesem letzten Ort wurde ihm klar, warum er vorher dieses Gefühl von Krieg verspürt hatte. 

In seinen Augen gab es eigentlich nur zwei Arten von Politik: eine, die versuchte, andere Menschen mit einzubeziehen, und eine, die versuchte, andere auszuschließen. Ausgrenzung fand in der Gesellschaft in großem Ausmaß statt. Sie kam in Wellen. Sie schlug zu, wann immer Probleme in der Gesellschaft zu wachsen begannen. Und die Gesellschaft suchte immer schnell nach jemandem, der dafür verantwortlich war. Nach jemandem, dem man die Schuld geben konnte. Jemanden, den sie ausschließen konnte, um das Problem zu lösen, indem sie den einfachen Weg ging und diese Personen einfach loswurde. Sicherlich würden sich, sobald das geschehen war, alle Probleme in Luft auflösen! Aber so funktionieren Probleme nicht. Probleme waren komplexe, launische Dinge, und man löste sie am besten gemeinsam. Was ihm während seiner Zeit als Kaiser aufgefallen war, war, dass Probleme durch Ausgrenzung oft erst entstanden und in der Regel dann gelöst werden konnten, wenn man ein paar weitere Gehirne miteinbezog – verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die auf unterschiedliche Weise dachten. Auf diese Weise fand man zwangsläufig eine Lösung selbst für die hartnäckigsten und verworrensten Probleme.
Und dennoch taten Herrscher und Regierungen weltweit und quer durch alle Zeiten gerne genau das Gegenteil. Ein besonders markanter Moment war genau diese Stadt in den 1940er Jahren. Zunächst schloss die Regierung nur einige wenige aus und machte sie für alles verantwortlich, was in der Gesellschaft schief lief. Doch im Laufe der Zeit, als die Probleme ungelöst blieben, begann sie, weiteren die Schuld dafür zu geben. Immer mehr Menschen wurden zum Feind: Nachbar*innen, Freund*innen, Kolleg*innen. Denn Ausgrenzung hört nicht bei einer Person auf. Sobald klar wird, dass sie das Problem nicht gelöst hat, braucht sie einen neuen Sündenbock. Vielleicht war es die Schuld einer anderen Person – aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder wegen der Person, die sie liebte. Also führten sie Kennzeichnungen ein, um diese unerwünschten Menschen auszugrenzen.
Zuerst war da der gelbe Stern, der den Juden die Schuld zuschob. Dann folgten weitere: ein rotes Dreieck für diejenigen, die sich gegen die Ausgrenzung und Zerstörung durch die Regierung aussprachen. Ein rosa Dreieck für diejenigen, die jemanden liebten, der/die/they der Regierung nicht passte. Und natürlich gab es noch andere, denn sobald man einmal mit der Ausgrenzung angefangen hat, muss man regelmäßig neue Opfer finden, denen man die Schuld geben kann. Weil Ausgrenzung löst ja das Problem nicht. Und wenn man einmal den Weg eingeschlagen hat, schlecht über andere zu denken – selbst wenn es Lügen sind –, ist es schwer, umzukehren und die Gesellschaft wieder zusammenzuführen, anstatt sie zu spalten. Dieses System hat Millionen von Menschen das Leben gekostet, und es begann mit Worten, dann kamen die Kennzeichnungen, und Enden tat es oft mit dem Tod. Während zwei ganze Nationen tatenlos zusahen und es nicht verhinderten. Dabei wäre es so einfach gewesen – man hätte die anderen einfach einbeziehen können, ganz gleich, wer sie waren. Sei neugierig auf andere. Setze dich ein, wann immer du siehst, dass jemand ausgegrenzt wird.
Er verstand jetzt, dass dies ein Monster war, das immer wiederkehren würde. Menschen fingen an, die horrenden Dinge zu vergessen, die passiert waren. Und sie fingen an, wieder jenen Menschen zuzuhören, die versprachen, dass sie durch Ausgrenzung das Problem lösen würden und eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem anboten.
Dies war wahrhaftig der Ort des verlorenen Tores Vindobonas. Ein Erdrutsch hatte es in den Fluss mitgezogen. Aber andere Dinge gingen hier auch verloren – das wertvollste unter ihnen: Die Hoffnung. Verlorene Hoffnung angesichts eines der stärksten Gegner der Menschheit: Spaltung und Ausgrenzung.
Er sah zum roten Dreieck und er schwor sich, egal wie schwer ist sein würde, egal wie viele Menschen von mir das Gegenteil verlangen würden, ich werde die Gesellschaft gemeinsam gestalten. Ich werde andere in den Entscheidungen inkludieren. Ich werde versuchen zuzuhören und neugierig und aufgeschlossen zu bleiben. Ich werde nicht in die Falle tappen, schnelle Lösungen zu suchen, die andere angreifen. Ich werde nicht vergessen und ich werde nicht schweigen, wenn andere in diese Falle tappen.