
Er sah sich in seinem Reich um. Er stand leicht erhöht über der Straße und vor sich sah er etwas rundes. War das schon immer da? Er hatte ein militärisches Lager erwartet, obwohl er sich erinnern konnte, dass ein Hangrutsch den nördlichen Wall am Salzgries beschädigt hatte. Aber das hier vor ihm sah nicht wie ein Lager aus… Er schaute zur Dame zu seiner Rechten. Sie kannte er noch, sie war seit längerem an ihrem Platz. Er sollte wirklich mal dazu kommen und sie nach ihrem Namen fragen… Sie waren immerhin seit längerem Nachbarn! Er sah rüber zum Badehaus zu seiner Linken. Augenblick mal! Das Badehaus war verschwunden! Er sah nur ein paar zu einer Säule aufeinander gestapelte Steinquader. Wie lange hatte er geschlafen?
Dinge um ihn herum hatten sich verändert! Belustigt sah er, dass die Straße vor ihm nach ihm benannt war. Seltsam… Wieso würde man eine Straße nach einer Person benennen? “Das ist doch nicht hilfreich”, dachte er sich. “Wie soll man wissen, wo man hin muss, wenn man nicht weiß welche Handwerker, oder welche wichtige geographischen Gegebenheiten an einem Ort zu Hause waren, wenn die Straße nicht nach ihnen benannt war? Wie sollte man wissen, wo der Markt veranstaltet wurde, zum Beispiel.
Seine ersten neugierigen Betrachtungen wurden allerdings schnell von etwas anderem verdrängt. Ein furchtbares Gefühl, das seinen ganzen Körper übernahm. Nebelig, grau und es saugte sein ganzes Leben aus ihm raus. Ein Gefühl der Teilung. Der Grant, wie es die Ortsansässigen nannten. Ein Gefühl… er konnte es nicht ganz festmachen…es war ein Gefühl…ein Gefühl des Krieges. Krieg, das war es! Krieg!
Krieg lag in der Luft. Etwas, das er fast 2000 Jahre nicht gefühlt hatte. Wobei es sich damals ganz ähnlich angeschlichen hatte. Damals, als er im Römerlager in Vindobona lag. Oder war es Sirmium? Er konnte sich nicht ganz konzentrieren mit all diesen… Gefühlen…
Er wurde als Kaiser ausgewählt und (gemeinsam mit seinem Adoptivbruder Lucius Versus) adoptiert. Marcus Aurelius Antoninus Augustus, so nannten sie ihn. Es war eine politische Entscheidung, das höchste Amt im römischen Reich an die Person zu geben, die am meisten dafür geeignet schien, und nicht an den biologischen Erben. Er war allerdings der letzte adoptierte Kaiser. Nach ihm folgte sein Sohn Commodus als Herrscher.
Zurück zu diesem Gefühl… Krieg. Zerstörerisch für alle, sogar jene, die ihn führen wollten. Er konnte es kaum glauben, dass er zurück war. Aber er konnte es eindeutig fühlen. Nach Frieden sollte man streben, nicht nach Krieg, das war klar. Die Pax Romana musste bewahrt werden. Damals hatte er Hilfe gehabt. Die Gilde der Monsterjäger*innen war immer hart am Arbeiten gewesen, um Kriege zu verhindern und die Teilung der Gesellschaft aufzuhalten. Menschen aus unterschiedlichen Nationen zusammenzubringen – ein schweres Unterfangen.
Auf einmal spürte er eine … Präsenz. Etwas, das all die richtigen Anteile hatte von einer… Monsterjägerin!
Und genau als er das dachte, löste sich der Nebel in Luft auf! Hinfort waren das Gefühl der Unruhe, der Teilung und Zerstörung! Er konnte wieder klar sehen.
Er entschied sich dazu den mutigen Monsterjäger*innen folgen und gemeinsam die alte Stadt Vindobona zu untersuchen. Er spürte zwei Spuren, die seine eigene Essenz zu beinhalten schienen. Eine war am Hohen Markt und eine am Graben. Aber sie konnten warten. Viel wichtiger war es, sich um den Grant zu kümmern! Der Grant, ein eindeutiges Zeichen, dass sich weitere Monster in der Stadt aufhielten!
